D-DAY 2022

06. Juni 1944 – Im Osten stößt Marschall Rokossovski mit seiner Weißrussischen Armee auf Warschau, aus Richtung Brest kommend. Die Heeresgruppe Mitte verliert 28 Divisionen und bis August wird die rote Armee die Weichsel überschreiten. Deutschland liegt nun Tag und Nacht im Bombenhagel der Westalliierten.



An diesem Tag landet in den frühen Morgenstunden im Rahmen der Operation “Overlord” ein Verband von amerikanischen, britischen und kanadischen Truppen in der Normandie. Circa 60 deutsche Divisionen wurden zur Verteidigung der Küstenlinie eingesetzt, zusammensetzt unter anderem aus Kosaken, Wolga-Tataren und Georgier, ausgerüstet mit Beutewaffen aus Frankreich, Polen und Jugoslawien.

Was machen die Deutschen Verteidiger an diesem Tag?

Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B ist auf Heimaturlaub in Herrlingen und feiert den Geburtstag seiner Frau. Der Marine OB West inspiziert den Kriegshafen in Bordeaux. Wo war die Marine? Nicht einmal eine Hand voll Torpedoboote feuerten insgesamt 18 Torpedos ab, der norwegische Kreuzer “Svenner” sank.

Der KG der 7. Armee (Normandie) Generaloberst Dollmann befiehlt für den 06. Juni eine Kommandeursbesprechung aller örtlichen Divisionskommandeure in Begleitung von je 2 Regimentskommandeuren im 175 km entfernten Rennes. (Anm.: Dollmann wurde am 28. Juni nach Berchtesgaden zitiert und verstarb am 29. Juni in Le Mans, wobei man durch Aussagen seines Stabchefs Pemsel von Suizid ausgehen kann)

Das für die Luftverteidigung im Raum Normandie verantwortliche Jagdgeschwader 26 in Lille wurde in den Tagen vor der Invasion “zerpflückt”. 1. und 3. Gruppe wurden nach Metz und Reims verlegt, die 2. Gruppe nach Südfrankreich. Am Tag der Invasion verfügte der Kommodore des JG 26 (Oberst Priller) über ganze 2 FW190. Tags zuvor, also vor der Verlegung, waren es noch 124. (Anm.: Oberst Josef “Pips” Priller und sein Flügelmann Unteroffizier Heinz Wodarczyk vollzogen am D-Day über Omaha-Beach den einzigen dokumentierten Einsatz der Luftwaffe im gesamten Landungsgebiet der Normandie)

Panzerkräfte: im Invasionsgebiet war die im Raum Falaise stationierte 21. Panzerdivision (Generalleutnant Edgar Feuchtinger) der einzige Panzerverband der Wehrmacht. Dabei handelt es sich nur dem Namen nach um den Verband, der im Rahmen des Einsatzes in Nordafrika unter Rommel am Kasserinpass berühmt wurde. Es sind frisch aufgestellte Truppen, ausgerüstet mit dem Panzer V “Panther”. Ihr Einsatz erfolgte am späten Vormittag erst nach Freigabe des OKW im Raum Caen, was die schnelle Einnahme der Stadt verhinderte.

Auch bei der Panzerlehrdivision (OKW Reserve, Raum Le Mans – 150 km von der Landungszone entfernt) in Nogent-le-Rotrou wurde vom 05. auf den 06. Juni schwer gefeiert. Aus dem Radio ertönte jedoch kein Swing, sondern die BBC übertrug Meldungen wie “John hat einen langen Schnurrbart”, “Die Hündin warf fünf gesunde Welpen” oder “Keine Angst vor vielen Farben”. Sie wurde wie die 12. SS-Panzerdivision “Hitlerjugend” durch den Oberbefehlshaber von Rundstedt bereits noch in der Nacht in den Raum Saint-Lô beordert, doch durch das OKW umgehend wieder zurück gepfiffen.

Bereits seit 01. Juni übertrug die BBC als codierter Hinweis an die französische Bevölkerung die erste Zeile des Chanson d’automne von Paul Verlaine :” Les sanglots longs. Des violons De l’automne…”

Der deutschen Abwehr war bekannt, dass sobald die zweite Zeile übertragen wurde, die Invasion innerhalb der nächsten 48 Stunden erfolgen würde. Die zweite Zeile “Blessent mon cœur D’une langueur Monotone” wurde am 05. Juni ab 21.00 Uhr übertragen. Darüber wurde das OKW informiert.

Seltsam?


Aufgrund von Wetterprognosen vermutete man auf deutscher Seite angeblich keine Aktivität der Alliierten. Auch die am 06. Juni einsetzende Ebbe wurde vom OKW für eine amphibische Landung als eher unwahrscheinlich bewertet. Man tendierte zur Annahme der Landung bei Flut. Schließlich waren die Befestigungen und Sperranlagen am Strand so ausgelegt, dass diese eine Landung bei Flut behindern sollten. Bei Ebbe waren sie wirkungslos und dienten dem Gegner eher als “Deckung”, sofern man davon sprechen kann. Tatsächlich war das Wetter insgesamt nicht günstig (Wind, Sprühregen, tiefe Wolken), doch es war zumindest so günstig, dass man zwei Fallschirmjägerdivisionen bei Nacht absetzen konnte, und mit einer Armada von 13.000 Flugzeugen und 7.000 Schiffen von England aus über den Kanal steuerte.

Dem Landeunternehmen geht zunächst ein Flächenbombardement entlang der küstennahen Verteidigung voraus. Nach dem Beschuß der Bunkeranlagen durch Schiffsartillerie der US Navy bewegen sich die ersten Landungsboote auf die Küste zu.

Bereits in der Nacht zum 06. Juni landen zwei ganze amerikanische Luftlandedivisionen mit ca. 15.000 Soldaten im Fallschirmsprung nördlich Carentan, um mit den Operationen “Boston” und “Albany” die Halbinsel Cotentin abzuriegeln.

Über diesen Tag wurden etliche Bücher geschrieben und genau so viele Filme gedreht.

Sie kommen! So lautet der Titel des Buches von Paul Carell, dass zu den abgegriffenen Schinken in meiner Bibliothek zählt. Ergreifend ehrlich die Erzählungen über “WN 62” von Hein Severloh stehen daneben. Der Film über die fiktive Suche nach dem Soldaten Ryan, “Big Red One” von Sam Fuller, “Der längste Tag” oder auch die Miniserie “Band of Brothers” kennt man. Die Story der “Easy Company” des 506. der 101., und viele andere Geschichten bewegen das Interesse eines Fallschirmjägers.

Vor wenigen Wochen habe ich mir die Orte der wichtigsten Geschehnisse, und hier im Besonderen im Zusammenhang mit den Einsätzen der 101. Airborne, angeschaut und den Gefallenen meine Ehrerbietung erbracht. Von St. Mère Église über Carentan, von Caen über Falaise, von der Bocage nach Brecourt, von der Pegasus-Brücke in Benouville zum Grab des Oberleutnant Frerking in La Cambe, vom Pointe du Hoc zum Sektor Fox Green bei Colleville, von den “Crossroads” in Heteren nach Eindhoven, und schließlich in die “Foxholes” im Bois Jaques bei Foy / Bastogne. Nach Bastogne verlegte die 101. Airborne auf den Truppenübungsplatz Mourmelon-le-Grand zwischen Reims und Verdun. Sie wurden später noch in Berchtesgaden und Österreich eingesetzt.

In diesem kurzen Bericht möchte ich auf die Bocage eingehen. Nicht zuletzt und nur am Rande erwähnt stammt der Richtschütze aus der Stamm-Besatzung des Tigers, dessen Kommandant am 13. Juni 44 in Villers Bocage Berühmtheit erlangt hat, aus meinem Heimatdorf.

Nein, mein Interesse an der Bocage lag nicht an diesem einen Soldaten, es entstand auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof am Omaha Beach. Nach einer Runde über das gesamte Areal stellt man sich die Frage, warum hier eigentlich so viele Kreuze stehen. Die Amerikaner hatten am D-Day ca. 1.500 Gefallene zu beklagen und waren nach der Landung im Juni bis zum Dezember 1944 zur deutschen Grenze durchgefahren. So könnte man zumindest meinen.

Die Menge der Kreuze auf dem Soldatenfriedhof bei Vierville hat ihre Gründe, denn der D-Day dauerte genau genommen 85 Tage, und besonders die Gefechte in der Bocage waren extrem verlustreich für die Alliierten.

Nach 4 Tagen wurde Carentan von der 101. Airborne genommen, und man bildete man eine südwärts ausgerichtete Front. An den Brückenköpfen im Großraum Caen trat man auf der Stelle und ist zunehmend unter Druck geraten. Zudem zerstörte ein gewaltiger Sturm die beiden künstliche Landungsstellen im Landungsgebiet, was die Einnahme von Cherbourg mit seinem für weitere Truppen-Anlandungen wichtigen Hafen um so dringender machte.

Am 26. Juni wurde Cherbourg von drei US-Infanteriedivisionen (4. ID / 9. ID / 79. ID) eingenommen. Man entschloss sich, mit frischen Truppen aus Cherbourg zur Offensive über Saint-Lô Richtung Caen anzugreifen.

Dieser Angriff führte durch die Bocage. Ein erfolgreicher Angriff gegen einen vorbereiteten Verteidiger ist in diesem Gelände eigentlich unmöglich. Ebenes Gelände, Sümpfe, keine Erhebungen oder Wälder, durchzogen von mit meterhohen dichten, dornigen Hecken eingefassten Wegen und Gräben. Keine Sicht, und die naturbedingten Bewegungslinien und Flächen überwacht der Verteidiger aus guter Deckung. Es wurde für die Amerikaner zu einem Blutbad. Die Leichenberge türmten sich im Hochsommer. Man kam kaum vorwärts.

Am 09. Juli wird La Haye genommen, am 18. Juli Saint-Lô. Für den Geländegewinn von 10 km bis La Haye haben rund 10.000 GI’s ihr Leben gelassen. Die Moral der US Truppe hat nun ihren Tiefpunkt erreicht. Am 28. Juli trifft General George S. Patton in der Normandie ein und übernimmt die Führung der 3. US Armee. Unter seinem Kommando gelingt in nur 4 Tagen ein Vorstoß bis Avranches. Das Geschehen auf dem Gefechtsfeld ändert sich mit der Anwesenheit von Patton.

Aber erst eine Entscheidung aus Berlin sollte die entscheidende Wende für die tapferen Amerikaner bringen. Das OKW ordnete eine Gegenoffensive für den 07. August aus dem Raum Mortain Richtung Avranches mit starken Panzerkräften an (Unternehmen Lüttich), wobei man einen Großteil der unwiederbringbaren Reserven verheizte. Die militärische Führung vor Ort sprach sich dagegen aus, man wollte weiter das Verteidigungsgefecht aus guten Stellungen führen. Im Übrigen sorgte das Attentat vom 20. Juli für zu mindestens Unruhe bei den Deutschen.

Kurzum, die deutsche Offensive wurde abgewehrt und führte zu erheblichen Verlusten (50 % Ausfall), die nicht ersetzt werden konnten. Danach begann die Truppe Richtung Argentan auszuweichen, und kam nicht mehr zum Stillstand.

Die Bomber der US-Airforce bekämpften die Deutschen im Raum Caen, wobei die Stadt am Ende eingeebnet wurde. Die deutschen Truppen aus Caen mussten nach Süden Richtung Argentan ausweichen. Die Amerikaner und Briten trieben die Wehrmacht, die keinen Halt mehr fand, vor sich her.

Zwischen Falaise und Argentan entstand so ein Kessel, aus dem es kein Entrinnen geben sollte. Die deutschen Truppen im Kessel wurden gnadenlos zusammengeschossen. Über Kilometer zeigte sich ein Bild des Grauens. Am 20./21. August brach das 2. SS-Panzerkorps (Brigadeführer Wilhelm Bittrich) unter schweren Verlusten den Kessel auf und befreite die Restteile der eingeschlossenen 7. Armee und die 5. Panzerarmee. Rund 10.000 deutsche Soldaten fallen im Kessel. Bittrichs Truppen wurden nach diesem Gefecht aus der Front herausgezogen und Anfang September zur Auffrischung in den Raum Arnheim verlegt, was per Zufall, aber mitentscheident für den Ausgang von “Market Garden” war. .


Es folgte die Operation “Market Garden” vom 17. bis 27. September 1944 in Holland. Insgesamt wurden rund 40.000 amerikanische und britische Fallschirmjäger in Eindhoven, Nijmwegen und Arnheim abgesetzt. Ziel war unter Umgehung des Westwalls über den Rhein in das Ruhrgebiet vozustoßen, aber die Operation misslang. Eindhoven wurde von der 101. Airborne eingenommen und die Brücken an das 30. britische Korps übergeben. Die 82. Airborne erreichte ihr Operationsziele in Nijmwegen nicht, und das Scheitern von Montgomery’s Plan war besiegelt. Besonders hart traf es die britischen Fallschirmjäger in Arnheim.

Die 3. US Armee (Patton) stand am 02. Dezember 1944 entlang der Saar an der deutschen Grenze. Von Oktober 44 bis Februar 45 dauerten die Gefechte der 1. US Armee (Hodges) in der Eifel, bekannt als die Schlacht im Hürtgenwald.

Vom 16. bis 19. April 1945 tobt an den Seelower Höhen das letzte Gefecht der Wehrmacht gegen die Rote Armee mit insgesamt mehr als 100.000 Gefallenen.

Am 25. April 1945 treffen US Truppen (69. Infanteriedivision – Generalmajor Emil Fred Reinhardt) bei Torgau auf die 58. Garde-Infanteriedivision der Roten Armee (Generalmajor Vladimir Vasilyevich Rusakow). Der “Elbe-Tag” wird mit einem Handschlag in Szene gesetzt.

Am 08. Mai kapituliert die Wehrmacht.



Michael Hornung


Omaha Beach
Omaha Beach
Omaha Beach “Fox Green”, Denkmal der “Big Red One” auf dem Bunker des WN62
Omaha Beach
Brecourt
Heteren
Bastogne War-Museum
Denkmal der Roten Armee in Seelow
Seelow am 16. April 2022
Seelow am 16. April 2022
Torgau an der Elbe – Gedenkstein
Arlington, Virginia

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