Fallschirmspringen

Fallschirmsprung im Truppendienst (Automatik)

Wir konzentrieren uns bei der Behandlung der Thematik rein auf das “Automatik-Springen” mit dem Truppenfallschirm T10.

Damit ein Soldat in 400 Meter Höhe ohne Zögern aus einem Flugzeug springt und nach der Landung unverzüglich mit seiner Waffe in das Gefecht zieht, muss zu Beginn eine Auswahl getroffen, und sowohl motorische als auch physische Grundlagen geschaffen werden. Im Grunde geht es dabei um die Fähigkeit, ständig seinen “inneren Schweinehund” besiegen zu können und zu wollen. Vielleicht ist das die herausragende Charaktereigenschaft des Fallschirmjägers.

“Straße – Eisenbahn”

Grundbedingung für jeden Soldaten eines Fallschirmjägerbataillons war die erfolgreiche Ausbildung zum Fallschirmspringer an der Luftlandeschule in Altenstadt. Diese Ausbildung war in der Ausgestaltung für alle Dienstgrade gleich und dauerte je nach Wetterlage mindestens 4 Wochen. Am Ende des Lehrganges hatte jeder Sprungsschüler 5 Fallschirmsprünge absolviert.

Der Weg zum Fliegerhorst Penzing, von dem aus mit den Sprungschülern gestartet wird, ist lang und steinig. 4 Wochen Ausdauer und militärischer Drill, kaum Theorie. Tägliche Überprüfung der Leistungsfähigkeit und Einhaltung der Disziplin knabbern am Nervenkostüm der Soldaten. Schuhputz? Dreimal am Tag – und wehe unter der Sohle ist noch ein Steinchen. Die Ausbilder nehmen ihre Soldaten permanent unter die Lupe, “Verkriechen” – unmöglich. Der hauseigene Humor der Ausbilder zeigt sich in der Frage an seine Gruppe: “Laufen oder Gleichschritt?”. Die Wege zwischen den Ausbildungsstationen kennen nur 2 Bewegungsarten: Laufen (im “Gleichschritt”) oder Gleichschritt (Marsch mit Gesang). Slippen links – Landefall rechts – Fehlentfaltung, der Drill nimmt kein Ende. Aber die Springer, die im Bus von Altenstadt nach Penzing fahren, sind in körperlicher Höchstform. Sie handeln am Schirm im Reflex richtig, fallen vorwärts, rückwärts, links, rechts und stehen sofort aus dem Fallen wieder auf ihren Beinen.

“Vier Mann linke Tür!”

Es klingt nicht logisch, aber für die meisten Sprungschüler ist der Turm in Altenstadt mit seinen vielleicht 10 Meter Höhe eine größere Herausforderung als in 400 Meter Höhe das Flugzeug durch die Tür zu verlassen. Ganz einfach: es fehlt die Relation. In Altenstadt steht man in der Tür des Turmes und blickt hinunter auf das Dach der Sporthalle. Vor der steht der Ausbilder und erwartet eine “saubere” Sprunghaltung. Und er erwartet das Zählen während des Fallens.

“Hopptausend-Zwotausend-Dreitausend-Überprüf die Kappe.” Hat etwas nicht gepasst oder hat der Ausbilder “Bedenken”, so wird das notiert und nach dem Sprung im Gespräch erklärt. Im ungünstigen Fall lautet die Ansage:”Nochmal hoch”, oder alles war in Ordnung: “Gurtzeug ablegen”.


Markenzeichen

Neben dem roten Barett ist das Springerabzeichen ein Erkennungsmerkmal, das der Fallschirmjäger stolz auf seiner Uniform trägt. Damit der Fallschirmjäger das Abzeichen nach dem Lehrgang weiter tragen durfte, war die jährliche Ableistung von mindestens 5 weiteren Sprüngen erforderlich. Hierfür gab es genügend Gelegenheiten. Die Brigade führte über das Jahr verteilt mehrfach Sprungdienste durch, meist in Deckenpfronn, Malmsheim oder das Sprungbiwak in Mengen. Hinzu kamen Einsatzsprünge im Rahmen von Übungen, oder beim Truppenaustausch mit internationalen Verbänden.

Durch die enge Verbundenheit zu den französischen Paras, die mitunter auch durch die jährliche, gemeinsame Übung COLIBRI gefördert wurde, trugen über 50% der Soldaten des Bataillons das französische Brevet auf ihrer Uniform. Hierfür war die Ableistung von mindestens 2 Sprüngen aus einem Luftfahrzeug und mit dem Fallschirmsystem des Gastgebers erforderlich.

Das Fallschirmsystem T10/T10R

Die Bundeswehr verwendet seit Beginn das US-Amerikanische System T10, welches über die Jahre stetig verbessert wurde. Eine Umstellung auf alternative Fallschirmsysteme wurde zwar mehrfach ins Auge gefasst und auch in der Praxis getestet, letztendlich aber nie umgesetzt. Prominentes Beispiel war der 3-Kappenschirm in den 80er Jahren.

In der Sprungausbildung wird grundsätzlich aus dem Flugzeug abgesetzt. Die Sprungdienste in der Brigade und im Bataillon wurden zumeist mit dem Hubschrauber durchgeführt, was logistische Hintergründe hatte.

Traditioneller Klaps

Im Schnitt könnte man sagen, das ein Wehrpflichtiger Soldat während seiner Dienstzeit insgesamt bis zu 10 Fallschirmsprünge absolvierte. Ein länger dienender Zeitsoldat (SaZ 4) brachte es auf 20 bis 30 Sprünge.

Das Fallschirmspringer Abzeichen wurde in 3 Stufen nach “olympischem Vorbild” verliehen. Basis war die Ausführung mit Ährenkranz in Bronze (5-19 Sprünge). Mit dem 20. Sprung wurde dem Soldaten die Ausführung mit silbernem Ährenkranz verliehen. Das goldene Springerabzeichen als maximale Verleihungsstufe setzte 50 Automatiksprünge voraus.

Traditionsgemäß war dem Absetzer vor dem Fallschirmsprung der 20. oder 50. Sprung anzugeben. Nach dem Sammeln beglückwünschte die gesamte “Maschine” den Jubilar mit einem mehr oder weniger intensiven Klaps auf das Hinterteil. Um sicher zu stellen, das auch jeder Springer der Maschine seinen Glückwunsch zum Ausdruck bringen konnte, wurde der Jubilar durch den Absetzer in gebückter Haltung fixiert.

Ist das Jubiläum auf einen Sprungdienst aus einem Flugzeug mit 60 Springern gefallen, soll sich der eine oder andere per Zufall “verrechnet” haben. Meist sprach sich der “Rechenfehler” und die somit entgangene Zeremonie recht schnell im Kameradenkreis rum und landete zwangsläufig beim Kompanietruppführer. Der sorgte dann dafür, dass die Verleihung des Abzeichens im Rahmen eines Morgenappells von der gesamten Kompanie nachgeholt wurde.

Sprungdienst Deckenpfronn, OTL Düesberg und OL Baur

Hollywood

Grundsätzlich wurde jeder Sprung, der die jährliche Anzahl von 5 Pflichtsprüngen überschritt, im Soldatenjargon in der Kategorie “Lustsprung” verbucht.

Bei der Truppe beliebt war der sogenannte “Hollywood” – Sprung. Hierbei handelte es sich um einen meist stressfreien Fallschirmsprung aus einem Hubschrauber (oder anders ausgedrückt: nicht aus dem Flugzeug) ohne Sprunggepäck.

Das eigentlich militärische Gegenteil dessen war der Gefechtssprung in eine Lage aus einem Flugzeug mit Waffe und Gepäck, schnelles und lautloses Sammeln, vielleicht sogar bei Nacht oder im Morgengrauen, und anschließendem Fußmarsch in den Einsatzraum.

Solche Fallschirmeinsätze sind für die Masse der Truppe eine Herausforderung und bilden eher die Ausnahme im Alltag des Fallschirmjägers. Jahre nach Beendigung der Dienstzeit sind es aber gerade diese Tage, an die man sich noch genau erinnert.

Abhängig von der Persönlichkeit des Truppenführers wurde beim Regel-Sprungdienst zumindest auf das Mitführen von Waffe und Gepäck und das Einhalten militärischer Standards (zB Unterziehen, Tarnen) geachtet. Für den Kommandeur eines Fallschirmverbandes war es selbstverständlich, seine Pflichtsprünge bei der eigenen Truppe durchzuführen (siehe Foto mit Oberstleutnant Jochen Düesberg und rechts daneben Oberleutnant Ferdinand Baur).

Körperliche Leistungsfähigkeit als Basis jedes Fallschirmjägers

Unter der Führung von Oberstleutnant Jochen Düesberg (1979 bis 1982) erlebte das Bataillon unter den Eindrücken des Falkland-Krieges eine Verschärfung der militärischen Ausbildung. Einen Teilaspekt hierzu lieferte das GAT. Die britischen Truppen mussten Verluste, meist aufgrund physischer Defizite hinnehmen. Das tägliche, frühmorgentliche Gemeinsame Ausdauer Training, kurz GAT, (Dauerlauf im geschlossenen Verband in Uniform mit Waffe) wurde daher fester Bestandteil der Ausbildung für die kommenden Jahre.